Panzer-Suche am Rostocker Mühlendamm geht weiter

Gefahr durch Munition soll gebannt werden, die gefallene russische Besatzung des in Rostock entdeckten T-34-Panzers konnte nach Bergung des Turms identifiziert werden

21. Februar 2012, von
Grabungen nach dem T-34-Panzer am Rostocker Mühlendamm
Grabungen nach dem T-34-Panzer am Rostocker Mühlendamm

Fast siebzig Jahre wusste Kilina Rima Vasilievna nichts über das Schicksal ihres Vaters. Als sie ein Jahr alt war, wurde Kleshchov Vasiliy Afanasevich an die Front geschickt. Er kam nie zurück und galt als vermisst. Seit einigen Wochen weiß die heute in Perm lebende Russin, dass ihr Vater am 1. Mai 1945 in Rostock ums Leben kam.

1924 in Klevakino geboren, war er wahrscheinlich der Fahrer des Panzers des 2. Panzerbataillons, der von der Roten Armee zur Aufklärung nach Rostock vorgeschickt wurde. Als er den T-34 auf die Mühlendammbrücke vor den Toren der Stadt fuhr, detonierte eine Seemine, wie sie zur Sprengung von Kriegsschiffen verwendet wurden. Der mächtige Knall sei weit bis in die Stadt zu hören gewesen.

Zeitzeuge Gerhard Holtz
Zeitzeuge Gerhard Holtz

Der Rostocker Gerhard Holtz erinnert sich: „Wir waren damals am weißen Kreuz, etwa 400 Meter entfernt, und wollten über die Brücke. Der Panzer war schon weiter vorgefahren und explodierte. Später als Kinder waren wir noch hier. Da lagen hier Teile vom Panzer, die später zugeschüttet wurden oder versunken sind. Aber das waren nur kleine Teile.“

Seit heute Morgen steht der Rentner an der Baustelle am Mühlendamm, verfolgt die Bergungsarbeiten und schildert als begehrter Zeitzeuge den Journalisten seine Eindrücke von damals. Eine Handvoll Kamerateams und weitere Reporter sind nach Rostock gereist, um für die russischen Medien zu berichten.

Vladimir Kukin von der Russischen Botschaft in Deutschland wird für das russische Fernsehen am Mühlendamm in Rostock interviewt.
Vladimir Kukin von der Russischen Botschaft in Deutschland wird für das russische Fernsehen am Mühlendamm in Rostock interviewt.

Denn auch in Russland hat man mit Interesse den Fund des Panzerturms am 16. November des letzten Jahres zur Kenntnis genommen. „Für uns war das eine sehr große Überraschung, die nicht jeden Tag passiert“, sagt Vladimir Kukin von der Russischen Botschaft. Ungewöhnlich sei nicht nur der Panzerturm „so große Teile sind selten“, sondern auch der Fund menschlicher Überreste.

Mittlerweile konnten die Namen der Panzerbesatzung dank offener Archive im Internet und der Bestätigung durch Behörden eindeutig identifiziert werden. Eine Zuordnung der gefundenen Gebeine sei jedoch nicht sicher möglich, dazu wären Vergleichsproben nötig, erklärt Joachim Kozlowski vom Umbettungsdienst der Deutschen Kriegsgräberfürsorge.

Auf der Kriegsgräberstätte am Puschkinplatz liegen über 720 Kriegstote begraben. Deutschlandweit werden im Jahr immer noch über 200 Kriegtote geborgen.
Auf der Kriegsgräberstätte am Puschkinplatz liegen über 720 Kriegstote begraben. Deutschlandweit werden im Jahr immer noch über 200 Kriegtote geborgen.

Am 1. oder 8. Mai, so der Vorschlag der Rostocker Stadtverwaltung, könnten die sterblichen Überreste der Besatzungsmitglieder auf dem Soldatenfriedhof der Roten Armee am Puschkinplatz, der größten sowjetischen Kriegsgräberstätte in Mecklenburg-Vorpommern, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung bestattet werden. Auch die Angehörigen der Kriegstoten, die nach einer groß angelegten Suche in den russischen Medien ausgemacht werden konnten, sind zu der Beisetzung eingeladen worden.

Während sich die Vertreter Russlands, der Stadt Rostock und des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge über die Bestattung der Besatzungsmitglieder weitestgehend schon einig sind, ist der Verbleib des Panzerwracks weiterhin unklar.

Pressekonferenz im Rathaus zu den Ausgrabungsarbeiten am Mühlendamm
Pressekonferenz im Rathaus zu den Ausgrabungsarbeiten am Mühlendamm

Oberbürgermeister Roland Methling spricht sich dafür aus, dass der Panzer, der Eigentum der Russischen Förderation ist, in Rostock ausgestellt wird. „Wir befassen uns mit einem Stück Zeitgeschichte, das auf besondere, authentische Weise das Ende des Zweiten Weltkrieges und einen komplizierten Neuanfang nach 1945 widerspiegelt. An einem solchen Beispiel wird deutlich, wie schwer sich Geschichte nachvollziehen lässt und wie wichtig es ist, dass gerade junge Menschen mit dieser Geschichte auch lebendig konfrontiert werden“, begründete er diesen Vorschlag am Morgen auf einer Pressekonferenz.

Seit heute früh wird am Explosionsort, diesmal an der anderen Straßenseite, weitergesucht. „Der Turm wurde weggeschleudert. Die Frage ist, ob die Wanne des Panzers noch da ist oder damals schon entfernt wurde“, erläutert Robert Mollitor, Leiter des Munitionsbergungsdienstes die Arbeiten. Durch eine computergestützte Sondierung war eine große Anomalie am nord-westlichen Brückenkopf entdeckt worden. „Das Problem ist, wir können nicht unterscheiden, ob es sich um Munition, Teile vom Panzer oder der Brücke oder nur um Schrott handelt“.

Die Grabungen am Vormittag beförderten zunächst eine Menge Schrott und Ziegel zutage. Vermutlich wurde nach dem Krieg der Mühlendamm aufgeschüttet, der zuvor noch fast zwei Meter tiefer lag.

Es könnten sich immer noch gefährliche Kampfmittel im Erdreich am Mühlendamm befinden
Es könnten sich immer noch gefährliche Kampfmittel im Erdreich am Mühlendamm befinden

„Ein Baum kommt weg zum Nachgraben. Heute Nachmittag oder morgen früh kommen wir an die Stelle, wo wir den Rest vermuten“, erklärt Robert Mollitor den Plan. „Wenn wir hier durch sind und immer noch keinen Panzer gefunden haben, wäre die nächste Chance, dass er weiter unten oder in der Warnow liegt. Dann wäre jedoch zu überlegen, wie man weiter vorgeht, denn es ist dann keine Gefahrenabwehr mehr“, so der Munitionsbergungsleiter weiter. Die Ausgrabungen erfolgen nicht zuletzt wegen des Verdachts, dass von übrig gebliebenen Kampfmitteln noch eine Gefährdung ausgehen könnte. Finanziert werden sie aus Landesmitteln. Sollte man sich für eine Suche im Bereich der Warnow entscheiden, wäre der Bund zuständig.

Aktualisierung, 22. Februar 2012:
Bei der Suche nach der Panzerwanne des russischen T34-Panzers wurden heute weitere Panzerteile gefunden, wie der Munitionsbergungsdienst Mecklenburg-Vorpommern mitteilte. Neben zwei Panzerplatten (1,5 x 0,8 Meter, 100 mm stark sowie 1,5 x 1,5 Meter, 50 mm stark) wurden eine Feder und ein Handrad entdeckt. Munition oder sterbliche Überreste der Panzer-Besatzung wurden nicht gefunden.

Da es keine weiteren Hinweise auf größere Teile der Panzerwanne mehr gibt, wurden die Grabungen heute endgültig abgeschlossen. Am Donnerstag werden nur noch Verfüllarbeiten vorgenommen.

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