Unimedizin Rostock sucht ruhiges Fahrwasser

Nach einem Brandbrief von Chefärzten und der Freistellung des ärztlichen Vorstands suchen die Verantwortlichen der Universitätsmedizin Rostock einen Weg aus der Krise

30. August 2021, von
Unimedizin Rostock sucht ruhiges Fahrwasser - Prof. Dr. Christian Junghanß (stv. Ärztlicher Vorstand, v.l.), Mathias Brodkorb (Vorsitzender des Aufsichtsrates), Bettina Martin (Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, MV), Prof. Dr. Emil Reisinger (Dekan und stv. Vorstandsvorsitzender) und Prof. Dr. Clemens Schafmayer (stv. Ärztlicher Vorstand)
Unimedizin Rostock sucht ruhiges Fahrwasser - Prof. Dr. Christian Junghanß (stv. Ärztlicher Vorstand, v.l.), Mathias Brodkorb (Vorsitzender des Aufsichtsrates), Bettina Martin (Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, MV), Prof. Dr. Emil Reisinger (Dekan und stv. Vorstandsvorsitzender) und Prof. Dr. Clemens Schafmayer (stv. Ärztlicher Vorstand)

Ein Brandbrief von rund 40 Chef- und Oberärzten sorgte in den vergangenen Tagen für Unruhe an der Unimedizin Rostock (UMR). In ihrem Schreiben an Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) und Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) kritisierten sie den auf kurzfristige Einsparungen ausgerichteten Sanierungsprozess. Die Unimedizin Rostock könne ihren Aufgaben als Maximalversorger nicht mehr vollumfänglich nachkommen und eine vierte Corona-Welle medizinisch nicht mehr beherrschen, hieß es. Besonders dramatisch sei die Situation an der Kinderklinik. Hier könnten Spezialambulanzen sowie die Kinderintensivstation nicht mehr kontinuierlich betrieben werden.

Nachdem auch noch der ärztliche Vorstand Prof. Christian Schmidt freigestellt wurde, äußerten sich heute Vorstand, Aufsichtsrat und Ministerin zu der Situation an der Unimedizin Rostock.

„Ja, wir stehen vor Herausforderungen, diese sind in erster Linie personeller Natur“, erklärte Prof. Dr. Emil Reisinger, Dekan und Wissenschaftlicher Vorstand der Unimedizin. Dennoch werde man „die klinische Versorgung in der Qualität eines Maximalversorgers weiterhin sicherstellen.“

Mehr Geld und Platz für Kinderklinik

Als erste Reaktion wurden vom Land für dieses Jahr zusätzliche Mittel in Höhe von zwei Millionen Euro gewährt, 2022 sind es weitere fünf Millionen. Darüber hinaus werden in den nächsten drei Jahren anteilig drei zusätzliche Stellen an der Kinderklinik finanziert und es gibt zwei zusätzliche Professuren im Bereich Forschung. Die Unimedizin soll wieder „nachhaltig und langfristig in ruhiges Fahrwasser kommen“, sagte Bildungsministerin Bettina Martin.

„Das Grundproblem der Kinder- und Jugendmedizin ist, dass sie im Bereich des DRG-Systems (Diagnosis Related Groups – Abrechnung nach Fallpauschalen, Anm. d. Red.) nicht so auskömmlich finanziert ist, wie es sein müsste.“ Dies sei deutschlandweit ein Problem, so Martin. Über eine Bundesratsinitiative versuche das Land, dass die Kinder- und Jugendmedizin aus dem System herausgenommen wird.

Neben zusätzlichen Stellen wird es zeitnah auch mehr Platz für die Kinderklinik geben. Die durch den Umzug von Forschungslaboren in das neue Biomedicum freiwerdenden Flächen sollen für die Kinder- und Jugendmedizin genutzt werden. Vor allem für die Spezialambulanzen, erläutert Prof. Dr. Christian Junghanß, stellvertretender Ärztlicher Vorstand der UMR: „Die Pädiatrie ist inzwischen zu großen Teilen ein ambulantes Fach.“ Gab es früher einmal 450 Betten an der Kinderklinik, sind es heute nur noch 38 und zehn Intensivbetten – „wohl berechnet und auskömmlich für den Moment“, so Junghanß. Wenn es den prognostizierten Zuwachs an Kindern in der Region gibt, könne sich der Bedarf jedoch erhöhen.

Auch in die auf Eis gelegten Planungen für das gemeinsame Eltern-Kind-Zentrum von Universitätsmedizin und Klinikum Südstadt soll wieder Bewegung kommen. Der Standort am Südstadt-Klinikum, wo sich aktuell Entbindungsstation und Neonatologie befinden, ist jedoch wieder offen.

Unimedizin auch 2020 mit Millionen-Defizit

Nach leichten Überschüssen ist die Unimedizin 2019 tief in die roten Zahlen gerutscht. Die Rückkehr in den öffentlichen Tarif, etwas geringere Patientenzahlen und Schweregrade, aber auch die damals bereits schwierige Führungssituation zählt Mathias Brodkorb, Vorsitzender des Aufsichtsrates der UMR, als Gründe auf.

2019 haben Aufsichtsrat und Vorstand eine Sanierung über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren verabredet, „Gewinne im kapitalistischen Sinne“ seien jedoch nicht das Ziel, bekräftigt der Aufsichtsratschef. Überschüsse habe das Land immer im Unternehmen selbst belassen. Als Sanierer sollte der frühere Finanzminister des Landes jedoch zumindest für eine „schwarze Null“ sorgen. Im vergangenen Jahr wurde daraus noch nichts. 2020 ist „das Defizit zwar erfreulicherweise kleiner geworden, aber wir bewegen uns im Bereich der Krankenversorgung noch immer in einem zweistelligen Millionendefizit“, so Brodkorb, der vor der Feststellung des Jahresabschlusses keine genauen Zahlen nennen wollte.

„Das Krankenhausfinanzierungssystem ist nicht unproblematisch“, hofft Brodkorb auf Änderungen nach der Bundestagswahl und plädiert für einen „Systemzuschlag“. Als Maximalversorger sowie Aus- und Weiterbildungsstätte für Ärzte müsse eine Uniklinik einen „Sicherheitspuffer“ haben, der momentan in den Finanzierungsstrukturen nicht abgebildet werde. „Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass man starke Krankenhäuser braucht, die in einer zugespitzten Situation für das restliche Krankenhaus- und Gesundheitssystem eine letzte Haltelinie darstellen.“

Ein-Campus-Strategie

Einen Teil zu den finanziellen Problemen trägt auch die zerstreute Lage der Unikliniken bei. So müssen etwa zwischen dem Campus Schillingallee und der Neurologie in Gehlsdorf ständig Patienten hin- und hergefahren werden.

Wie hoch die wirtschaftlichen Belastungen durch die räumliche Trennung der Kliniken ist, könne noch nicht beziffert werden, so Brodkord. Ein Gutachten soll dies in den nächsten Monaten untersuchen. Baulich gehe er davon aus, dass ein gemeinsamer Campus in der Schillingallee realisierbar sei. Etwas Entlastung soll hier in Kürze der Neubau für Zentrale Medizinische Funktionen (ZMF) bringen – er soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden.

Freistellung des ärztlichen Vorstands

Zur Freistellung des ärztlichen Vorstands Prof. Christian Schmidt wollte sich Mathias Brodkorb aus rechtlichen Gründen nicht äußern, doch das „Teamplay“ habe nicht „mehr so funktioniert, wie wir es brauchen“.

„Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir jetzt mit dieser Aufstellung die Herausforderungen am Universitätsklinikum anpacken und in ruhiges Fahrwasser kommen“, gab sich Bettina Martin optimistisch.

Pressekonferenz der Unimedizin Rostock (30. August 2021):

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